
SÜNDENFALL. Die Grenzüberschreitungen des Filmemachers Ulrich Seidl.
von Stefan Grissemann
250 Seiten, viele Farbabbildungen und bislang unveröffentlichte Fotos. Erscheint im September 2007 im Sonderzahl Verlag Wien.
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Von „Einsvierzig“, Ulrich Seidls allererstem kurzen Film, der 1980 das umstrittene Porträt eines kleinwüchsigen Wieners zeichnete, bis zu dem im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes 2007 Aufsehen erregenden monumentalen Doppel-Road-movie „Import Export“ verläuft eine Linie der Provokation und der erhitzten Auseinandersetzung. Der Regisseur Ulrich Seidl hat es stets darauf angelegt (und zuwege gebracht), sein Publikum zu überraschen und zu irritieren, herauszufordern und zu berühren.
Seidls sehr spezielles Kino, das unmittelbar aus den persönlichen Erfahrungen des Filmemachers gewachsen ist aus seiner überaus strengen katholischen Erziehung ebenso wie beispielsweise aus den Jahren der Gelegenheitsarbeit als Nachtwächter und Lagerhausarbeiter hat sich seine Wirkung bewahrt: Noch immer vermögen Seidls Filme zu schockieren und zu erschüttern, indem sie auf die entscheidenden Fragen zur Natur des Kinos und zu seiner „Moral“ zielen Fragen zu den Grauzonen zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen; Fragen zu den Grenzen des Voyeurismus und zur Verpflichtung, unsentimental vom Leben und der Welt zu berichten; Fragen auch zum Wesen des Schauspiels, das von der Selbstdarstellung der Amateure bis zu den schönen, aber brüchigen Lügen der Profis reicht.
Stefan Grissemanns Buch über Ulrich Seidls Arbeit, das abseits von Festivalbroschüren die erste Studie zum Werk dieses Filmemachers überhaupt darstellt, versucht einen höchst kontroversiellen, alles andere als leicht zugänglichen Künstler zu porträtieren und nebenbei auch jene allgemeineren Probleme zu behandeln, die dessen Produktionen aufwerfen: Ethik und Pornografie, Manierismus und Naturalismus im postdokumentarischen Kino. „Sündenfall“ kombiniert biografische Elemente mit detaillierten Analysen sämtlicher Produktionen des Regisseurs. Ulrich Seidl selbst kommentiert in diesem Buch schlaglichtartig alle Stadien seiner Entwicklung: In eingeschobenen, bislang unveröffentlichten Zitaten blickt er auf die Jahre öffentlicher Anfeindungen zurück, aber auch auf seine aktuelle Position als eine der zentralen Gestalten des europäischen Gegenwartskinos.
Naturgemäß wird „Import Export“, Seidls jüngster Film, im Zentrum des Buches stehen: Reportagen von den Dreharbeiten sowie eine umfassende kritische Würdigung des Werks inklusive. Aber die Bandbreite dieser Publikation ist entschieden größer: Sie umfasst annähernd drei Jahrzehnte einer Werkgeschichte, die erhellt auch durch die Erinnerungen von Freunden, Feinden und Komplizen Ulrich Seidls keineswegs nur durch den Welterfolg des Films „Hundstage“ (2001) geprägt ist.
Der Autor Stefan Grissemann
Geboren 1964.
Filmkritiker und Kulturjournalist.
Buchpublikationen zu Michael Haneke und Elfriede Jelinek, zu Edgar G. Ulmer und Robert Frank.
Leiter des Kulturressorts des österreichischen Wochenmagazins „profil“.
